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07.07.2008Covadonga Verlag

TdF-Special Teil 2: Nicht umsehen, nur spurten...

co105.gifDer dritte Tagesabschnitt der Tour de France führt das Peloton heute nach Nantes, wo auch auf den Tag genau vor 76 Jahren eine aus deutscher Sicht bemerkenswerte Etappe zu Ende ging. Lauschen wir den Erinnerungen von Kurt Stöpel, dem Zweiten der Tour de France von 1932:

2. Etappe, 7.Juli 1932
Caen – Nantes (295 km)


»Allez appel«, und die zweite Etappe ist gestartet. Der Weg der Tour führt an diesem Tage längs der Gestade des Atlantischen Ozeans nach Nantes. Die Etappe ist mit fast 300 Kilometern immerhin respektabel zu nennen. Am Vorabend ist es mir klar geworden, dass Zeitvergütungen mit vier Minuten bei Etappensiegen das Rennen entscheidend beeinflussen können. Aber da ist noch eine Klausel in dem Reglement: Getränke, Nahrung, Zubehör, Luftpumpen und Mützen können wir uns zureichen und austauschen, aber wir werden unter Strafe gesetzt, wenn wir all jenes austauschen würden, was der Verleiher selber dringend benötigt. Dazu gehören Rennreifen und natürlich auch die Rennmaschinen, die außerdem plombiert sind. So dürfen wir bei mehrmaligen Reifenschäden das Ersatzmate-rial nur aus dem begleitenden Materialwagen entnehmen. Einen Teil dieser Ersatzreifen hat der Oberleitungswagen, in dem Henri Desgrange, der »Vater der Tour«, sitzt.

Was dies bedeutet, kann nur ermessen, wer einmal die Praktiken dieser Klauseln bei einer internationalen Rundfahrt studiert hat. Selbstverständlich gibt es für die französischen, italienischen und belgischen Asse genügend Begleitfahrzeuge und Hilfskräfte, um jede Klausel zu umgehen. Aber was geschieht mit uns? Der deutsche Kommissar sitzt im Wagen von Henri Desgrange und kann uns noch nicht einmal mit dem Auge zuzwinkern. Er kann uns keine Streckenpositionen melden, wie sie die anderen Nationalmannschaften in erschöpfender Weise erhalten. Die haben ihre Leute auf Motorrädern und in den Wagen postiert. Unser Betreuer Martin Schmidt aber sieht uns nie während der Fahrt. Er fährt mit dem Gepäckwagen lange voraus.

An diesem Morgen ahne ich noch nicht, welcher bedeutsame Tag in meiner Rennfahrerlaufbahn angebrochen ist. Nach dem Start vor der wie am Vortage begeisterten Menge in Caen führt uns der Weg vorerst über schöne glatte Straßen. Die Sonne beginnt, aus wolkenlosem Himmel auf uns herabzubrennen, und dämpft so die Aktivität unter den Fahrern.

Der Durst setzt uns an diesem Tage gewaltig zu und gibt uns schon einen Vorgeschmack auf den »sonnigen Süden«. Überall bei den Passagen reicht man uns Trinkbares zu, doch ich hüte mich, allzu oft zuzugreifen. Die Stadt Rennes durchfahren wir nach 169 Kilometern, und noch immer liegt das Feld geschlossen zusammen.

Hinter Rennes entbrennt urplötzlich der Kampf! Thierbach, Camusso, Jan Wauters und Trueba sind abgefahren. Das Tempo steigt auf 43 Stundenkilometer. Ich befinde mich im Gros der 67 Mann umfassenden Verfolgergruppe. Aber ich bin heute wachsamer als am gestrigen Tage. So geht es in scharfer Fahrt Nantes entgegen. Es sind noch 20 Kilometer bis zum Etappenziel. Es wird brenzlich, denn ich möchte nicht wieder, wie gestern, in der zweiten Gruppe ankommen.
Ich fühle eine physische Stärke in mir wachsen. Ich fahre zur Spitze der starken Gruppe und schwenke ganz nach links hinüber, um meine Konkurrenten den von rechts kommenden Wind auch spüren zu lassen. Ich fahre »Kante«, wie es in der Rennfahrersprache heißt, und trete mit aller Kraft an. Noch schneller lasse ich meine Beine wirbeln. Ich fühle es deutlich, dass ein paar Fahrer hinter mir sein müssen. Nicht umsehen, nur spurten, denn ich habe das Gefühl, wir kommen weg.

Erst nach geraumer Zeit gebe ich die Führung ab und bemerke, dass André Leducq, Frans Bonduel und der Franzose Mauclair mein Hinterrad gehalten haben. Wir jagen jetzt in mustergültiger Ablösung den Ausreißern hinterher. Die entscheidende Jagd dieser zweiten Etappe hat begonnen, und es gibt jetzt nur noch ein gemeinsames Ziel: die Spitze noch vor dem Fin einzuholen. Da kommt Nantes bereits in Sicht, und wenige hundert Meter trennen uns noch von der langsamer werdenden Spitzengruppe. Gerade vor den Menschen-spalieren von Nantes schließen wir auf. Dreizehn Mann stark fahren wir durch die jubelnde Stadt hindurch. Nur in den vorderen Positionen bleiben, denke ich. Es geht auf die brodelnde Radrennbahn, wo sich beim Erscheinen des Franzosen Leducq ein unvorstellbarer Lärm erhebt.

Mauclair zieht für den Franzosen den Spurt an. Nach einer Drängelei kann ich das Hinterrad des schnellen Belgiers Bonduel erhaschen. Nun aber alle Chancen wahrnehmen. Dreizehn Hirne und dreizehn Augenpaare überwachen jetzt untereinander jede Regung. Das Tempo wird schon bedeutend schneller. Noch sind es 170 Meter bis zum Ziel. Sechsundzwanzig Beine werden schneller und schneller. Es ist ein verwirrender Takt. Da sehe ich den aus dritter Position sprintenden Bonduel antreten. Er fliegt auf den jetzt führenden Leducq zu. Nun sind es nur noch 80 Meter. Das Schreien und Toben der Massen nehme ich jetzt nur noch im Unterbewusstsein wahr. Ich trete plötzlich, nach außen schwenkend, hart an. Ich merke, wie mein Rad vibriert und der Fahrtwind mir entgegenschlägt. Alle Kraft und alle Schnelligkeit lege ich jetzt in meinen Schlussspurt. Zwei, drei Radlängen habe ich aufgeholt. Das Ziel ist so nahe. Ich sehe einen bulligen Schädel mit der weißen Mütze neben mir. Es ist Bonduel.
Da überkommt mich das so unsagbar schöne Gefühl: Du schaffst es! Mit letzter Kraft reiße ich das Vorderrad über den Zielstreifen und gleich darauf rase ich hinein in dieses Inferno von tobenden und brüllenden Stimmen, das in einem letzten Anfeuerungsakkord dem so populären »Dédé« Leducq gegolten hat. Ich fahre langsam durch die letzte Kurve und halte noch, von der großen Kraftanstrengung mitgenommen, förmlich den Atem an. Bin ich auch wirklich Sieger?

Der Zweifel zerstiebt im Fluge, als einige Begeisterte über die Balustrade klettern und mir die Hände drücken. Ich bin Sieger! »Hinne« Thierbach, der ebenfalls in der Spitzengruppe mit ankam und Fünfter wurde, klopft mir auf die Schulter, und beide freuen wir uns unter dem wolkenlosen Himmel von Nantes über diesen deutschen Erfolg.

Ich werde zum Bürgermeister der Stadt geführt und erhalte zum Siegesblumenstrauß auch noch den Kuss einer Schönen der Stadt. Die Fotografen umlagern mich, ich muss Autogramme an einige Prominente der Stadt verteilen. Alles empfinde ich wie in einem schönen Traum. Da sehe ich Leducq im Innenraum sitzen. Er wischt sich die Tränen mit der Mütze aus den Augen. Ist es der Schmerz über den verlorenen Endkampf, oder sind die Nerven schwach geworden von der soeben vorübergegangenen Anstrengung? Auf jeden Fall hätte auch er gern seinen Mannschaftskameraden das Geschenk eines Etappensieges verliehen und die tausend Francs verdient. Aber ich war schneller als der große Leducq, und das wird mir mehr Selbstvertrauen auf den weiteren Weg geben. Auf der nun folgenden Ehrenrunde werde ich als der Leader der Tour von den Zehntausenden stürmisch mit Beifall überschüttet.

Am Abend im Hotel ist die Freude groß. Deutschland liegt im Klassement der Nationen an erster Stelle vor Belgien und Frankreich. Die Zeitgutschrift von vier Minuten hat mir einen Vorsprung von zwei Minuten gegenüber dem Belgier Bonduel eingebracht. Die Überraschung in ganz Frankreich ist groß. Ich höre die französischen Sender in Lobeshymnen über diesen ersten deutschen Sieg ausbrechen.

Aber an diesem Abend ist die Überraschung auch in den Quartieren der Franzosen, Belgier und Italiener zu finden. Bei aller Freude kann ich aber immer noch meinen kühlen Verstand gebrauchen. Aus diesem Grunde wird man am nächsten Tag im Paris-Soir »Der Philosoph Stöpel« lesen. Ich bin mir im Klaren darüber, dass die Tour de France erst in Pau beginnen wird. Nicht die verhältnismäßig flachen Straßen sind es, die den Nimbus der Tour bestimmen, sondern die Gipfel der Pyrenäen und Alpen sind die gravierenden Merkmale dieser 5.000 Kilometer langen Fahrt. Voller Melancholie betrachte ich vor dem Schlafengehen noch einmal mein Maillot Jaune, welches die höchste Würde der Tour ist und zum ersten Mal von einem deutschen Fahrer errungen werden konnte.

Aus:
Kurt Stöpel: "Tour de France - Erinnerungen an die Grande Boucle 1932", Covadonga Verlag, ISBN 978-3-936973-10-5



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