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06.05.2009Covadonga Verlag

100 JAHRE GIRO: So ging's los

giro.gifWIE MAN EINE GROSSE RUNDFAHRT ORGANISIERT, erzählt Les Woodland in der 2004 bei Covadonga erschienenen, mittlerweile ausverkauften Geschichten-Sammlung "Das Velodrom der Narren".

Eifersucht: Dieses wenig populäre Gefühl war es, das im Jahr 1909 den ersten Giro d’Italia auf den Weg brachte. Ein wenig Eifersucht, viel Rachlust und ein seit langer Zeit brodelnder Streit. Fast eine „vendetta“. Alles ziemlich italienisch also.

Heute gilt der Giro als zweitgrößte Rundfahrt der Welt, nur die Tour de France ist größer. So wäre man geneigt, an glorreiche Anfangstage zu denken, an eine Geburt mit großen Gesten. Doch nichts dergleichen: Der Giro d’Italia kam auf die schmutzigste nur denkbare Art auf die Welt. Er kam auf die Welt, weil ein missgünstiger Vertreter sich mit seinem Arbeitgeber Bianchi zerstritten hatte und nun auf der Suche nach Rache war.

Schon damals, vor hundert Jahren, stand eine Sporttageszeitung hinter dem Giro: die Gazzetta dello Sport. Heutzutage gehört dieses Blatt zu einer großen Verlagsgruppe und wird Nacht für Nacht in Millionenauflagen gedruckt, damit es rechtzeitig zum Morgenkaffee in der mediterranen Sonne zu lesen ist. Anfang 1908 aber sah derlei ganz anders aus: Kein Schriftsetzer, kein Journalist der Gazzetta konnte sich sicher sein, am Ende der Woche seinen vereinbarten Lohn tatsächlich zu erhalten. Das Letzte, was sich die Zeitung leisten konnte, war ein großes Radrennen, das durch ganz Italien führte. Entsprechend verwundert war die Belegschaft, als die Gazzetta sich dennoch in ein derart kostspieliges Abenteuer stürzte.

Völlig perplex war insbesondere Armando Cougnet, ein Knabe von 1,88 Meter Größe und ganzen 18 Jahren, der sich für 120 Lire im Monat die Heidenarbeit aufhalste, Tag für Tag die Radsportseiten der Zeitung zu betreuen. Er war gerade auf einer Geschäftsreise nach Venedig, um den Verkauf seiner Zeitung anzukurbeln. Schließlich war diese noch nicht einmal 70 Ausgaben alt, und wenig wies darauf hin, dass sie noch allzu lange überleben würde. Und dann erreichte Armando Cougnet ein Telegramm:
»ABSOLUT WICHTIG FÜR DIE ZEITUNG - DU KÜNDIGST SOFORT DIE ITALIEN–RUNDFAHRT AN.«

»Was? Wichtig? ›Absolut wichtig‹? Ein Rennen wie die Tour de France? Für diese sich kleine, vor sich hin krebsende Zeitung? Ich? Also wirklich, Leute....«
Dieselbe Nachricht war auch per Telegramm an »Papa« Costamagna gegangen – zu seinem Privathaus in Mondovi. Costamagna war zwar der Herausgeber der Zeitung, aber auch sein Gehalt lag nur um 30 Lire im Monat über dem des jugendlichen Radsportredakteurs. Auch seine Augen suchten zweifelnd nach der Unterschrift des Absenders... Tullo Morgagni las er. Das war einer der Redakteure, die er angestellt hatte - der Kleinste der drei.

Es war nicht leicht, im Jahr 1908 zu telefonieren. Auch das Reisen war noch ein eher anstrengendes und deshalb zweifelhaftes Vergnügen. Folglich fanden Cougnet und Costamagna erst am nächsten Tag, dem 6. August, heraus, was passiert war – nachdem Cougnet nach Mailand zurückgekehrt war und auch Costamagna sich auf den Weg ins Hauptquartier der Gazzetta in der Via della Signora gemacht hatte. Beide gingen direkt zu Morgagnis Büro, wo dieser sie zunächst bat, in einer Ecke des Raumes Platz zu nehmen. Dann begann Morgagni mit seinen Erklärungen.

»Ich habe es von Angelo Gatti«, meinte er unvermittelt. Den beiden anderen war dieser Name nicht ganz unbekannt. Sie wussten, dass Gatti für Bianchi gearbeitet hatte, Italiens renommiertesten Fahrradhersteller. Sie wussten, dass er das Unternehmen im Streit verlassen hatte. Sie wussten, dass er zum Bianchi-Rivalen Atala übergelaufen gelaufen war. Morgagni erzählte, dass Gatti bei der Fahrradmesse in Bologna gewesen war und dort mit diebischer Freude ein Geheimnis aufgeschnappt hatte, dessen Publikwerden seinem ehemaligen Arbeitgeber vielleicht in die Suppe spucken könnte: Von einem Bekannten namens Tomaselli hatte er erfahren, dass Bianchi gemeinsam mit zwei Partnern die Ausrichtung eines neuen großen Etappenrennens für Radsportler plante. Für diesen Giro d’Italia sollte Bianchi das Know-how rund ums Material bereitstellen und der Touring Club Italiano seine Erfahrung aus der Veranstaltung landesweiter Auto-Rallyes einbringen, während der Corriere delle Sera schließlich dafür verantwortlich zeichnen würde, das Ganze zu finanzieren und zu vermarkten.

Der Corriere war der etablierte und weitaus größere Rivale der Gazzetta. Und genau wie Gatti dem verhassten Bianchi-Imperium mit aller Macht schaden wollte, so war die Gazzetta gezwungen, dem Corriere schleunigst eine Menge Leser abzuwerben – allein um zu überleben.

»Ich dachte mir nur, es würde dich gewiss interessieren«, hatte Gatti mit einem breiten Grinsen zu Morgagni gesagt – in dem Wissen, dass die Preisgabe eines solchen Geschäftsgeheimnisses sicherlich einen heftigen Genickschlag für seinen Erzrivalen bedeuten würde. Jetzt waren sie also alle in die Intrige einbezogen. Gatti, der seine Vendetta gegen Bianchi fortsetzen konnte. Und die Zeitungsleute, weil sie nun im Besitz vertraulicher Informationen über ihren größten Konkurrenten waren. Und dieses Insiderwissen zwang sie, schnell zu handeln. Morgagni, Cougnet und Costamagna mussten sofort entscheiden, was zu tun war. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ihr Entschluss feststand. Entscheidungen fallen schließlich immer rasch, wenn Emotionen im Spiel sind.

So saßen die drei Journalisten nun also um eine schwere, schwarze Schreibmaschine und heckten eine Ankündigung aus. Am 7. August 1908 stand es dann in fetten Lettern auf der Titelseite der Ausgabe 71: Die Gazzetta dello Sport wird im kommenden Mai einen Giro d’Italia ausrichten.

Cougnet erinnerte sich später: »Es war ziemlich einfach, einen Giro anzukündigen. Aber bald schlug die Realität zu − wir waren ruiniert.« Die Kosten für das Unterfangen beliefen sich auf 25.000 Lire, was nach so vielen Jahren der Inflation eigentlich ein Nichts war und die drei auch nicht sonderlich interessierte. Denn wie viel Geld sie auch immer aufbringen mussten: Die Gazzetta hatte es eh nicht. Ja, es war nicht einmal genug im Säckel der Zeitung, um das Preisgeld für den Sieger zu finanzieren, das sie kurzerhand auf 3.000 Lire festgesetzt hatten – vermutlich ganz einfach, weil es nach einer schönen, runden Summe klang.

3.000 Lire waren zwar das Doppelte des Jahresgehalts, das der Gazzetta-Chef Costamagna einsteckte, aber was kümmerte sie das schon? Wenn man eh bankrott geht, ganz gleich, ob man vorher noch einen Giro d’Italia veranstaltet oder nicht, dann zieht man die Sache halt durch und schaut, was passiert.

In ihrer Not erinnerten sich die drei eines gemeinsamen Freundes namens Rossini, der für eine örtliche Bank arbeitete. Es gäbe da eine Möglichkeit, dass sein Finanzinstitut der Gazzetta das benötigte Geld lieh, daraus machte Rossini keinen Hehl. Aber er fügte hinzu, dass die Art und Weise, auf die Banken reich wurden, im Wesentlichen darin bestand, sich von zahllosen Menschen jeweils kleine Summen zu borgen. Man musste die Kleckerbeträge einfach nur in einen Pott werfen, schon waren sie ein Vermögen. Rossini bot an, genau das für den vollmundig angekündigten Giro zu tun. Er ließ sich bei der Bank beurlauben und begann damit, im wahrsten Sinne des Wortes Klinken zu putzen, um das erforderliche Geld einzusammeln.

Und dann geschah gar etwas geradezu Biblisches. Ein Wunder. Merkwürdigerweise waren die Verantwortlichen des Corriere della Sera alles andere als erbost über die Tatsache, dass die junge Konkurrenz auf dem Zeitungsmarkt einfach ihre Idee weggeschnappt hatte. Vielmehr imponierte ihnen der Enthusiasmus des kleineren Herausforderers. Die Gazzetta mochte zwar kein Geld besitzen, aber zumindest einiges an Scharfsinn. Und wenn das Rennen sowieso starten sollte, dann konnte der Corriere ja die 3.000 Lire als Preisgeld für den Sieger stellen. Kein dummer Schachzug: Was immer auch passierte, sie hatten den Namen ihrer Zeitung publicityträchtig mit dem neuen Giro d’Italia verknüpft – und zwar für viel weniger Aufwand und Geld, als ursprünglich kalkuliert war. Außerdem waren Costamagna und dessen Team nun gezwungen, in ihrer Gazzetta die Konkurrenz des Corriere zu bewerben.

Derlei generöse Spendierhosen motivierten dann auch den italienischen Radsportverband, der seinerseits eifersüchtig auf die sich schnell und erfolgreich entwickelnde Tour de France auf der anderen Seite der Berge schaute, weitere 13.900 Lire beizusteuern. Jetzt fehlten Rossini und Co. nur noch 8.000 Lire, um ihr eben noch so unwahrscheinliches Vorhaben tatsächlich realisieren zu können. Sie stoppten das Klinkenputzen in den Gassen und gewannen stattdessen die Maschinenbaufirma Sghirla, das Casino von San Remo und weitere Unternehmen als Sponsoren. Die zweitgrößte Rundfahrt der Welt war gesichert.

Weit weniger sicher aber blieb die Zukunft der veranstaltenden Tageszeitung. Jeder neue Tag hätte den unwiderruflichen Untergang der Gazzetta dello Sport bedeuten können. Und vermutlich hofften die Herausgeber des Corriere sogar inständig, dass genau das geschah. Sie mutmaßten, dass sich ihr impertinenter kleiner Rivale selbst das Genick brechen würde, wenn sie ihm nur den Giro d’Italia überließen. Sollte sich diese Hoffnung erfüllen, dann könnten sie sich kurzerhand die Auflage, das Anzeigenaufkommen und das Rennen der Gazzetta einverleiben – kein schlechter Gegenwert für eine Investition von gerade einmal 3.000 Lire.

Den Morgen des 13. Mai 1909 verbrachten die Organisatoren des Giro mit der Einschreibekontrolle für die 127 angetretenen der ursprünglich gemeldeten 166 Fahrer. Das geschah an der Piazza Loreto in Mailand, also einem geschichtsträchtigen Ort: Hier startete Benito Mussolini zehn Jahre später die faschistische Bewegung Italiens. Hier baumelte der stattliche Körper des Diktators 26 weitere Jahre darauf neben seiner Geliebten Clara Petacci, nachdem die beiden auf der Flucht zur Schweizer Grenze von Partisanen gestellt und erschossen wurden.
Um 14:53 Uhr rollten die Teilnehmer auf den ersten von 2.448 Kilometern, die sie in acht Etappen nach Bologna, Chieti, Neapel, Rom, Florenz, Genua, Turin und zurück Mailand führen sollten. Nur 49 Fahrern gelang es, die Rundfahrt zu beenden. Meldungen über ihr Fortkommen konnten die interessierten Mailänder regelmäßig im Schaufenster des Peugeot-Geschäfts an der Piazza Loreto lesen. Und wohlhabendere Italiener, die bereits über ein Telefon verfügten, konnten den Fahrradladen unter der Mailänder Rufnummer 3368 anrufen und sich Einzelheiten vorlesen lassen.

Die öffentliche Resonanz war enorm. Menschenmassen säumten die Schlussetappe in die Metropole der Lombardei, und es mussten sogar Soldaten angeheuert werden, um die vier Dutzend Fahrer zu eskortieren, die den ganzen Weg geschafft hatten. Die Gazzetta jubelte als zugegebenermaßen nicht gerade unparteiischer Beobachter: »Fahnen wehten im Wind an ihren schwankenden Masten, Reiter begleiten die ersten Fahrer auf den letzten Kilometern ins Ziel. Nach Dario Benis Etappensieg brachten Fahrzeuge der Feuerwehr die Teilnehmer zur Arena, wo die Menge den Gesamtsieger Luigi Ganna im Triumph auf den Schultern trug. Ein glorreiches Ereignis hat sich tief in die Annalen des Sports eingeschrieben, um jährlich mit wachsender Begeisterung und Liebe wiederholt zu werden.«

Der Kreis hatte sich geschlossen: Denn dieser Luigi Ganna war Kapitän des Atala-Teams – also der Mannschaft genau jenes Fahrradherstellers, für den nun Angelo Gatti arbeitete, dessen Vendetta mit Bianchi die Sache ins Rollen gebrachte hatte. Er heimste Preisgelder in Höhe von 5.325 Lire ein. Als Italien den Euro einführte, hätte diese Summe gerade einmal ausgereicht, sich einen Espresso und eine einzige Ausgabe der Gazzetta dello Sport zu kaufen. Damals aber waren 5.325 Lire ein Vermögen – sicherlich genug jedenfalls, um die veranstaltende Zeitung zu ruinieren, hätte das Rennen keinen Erfolg gehabt.

Doch wie wir alle wissen, kam es ja ganz anders: Der Giro schrieb ebenso Erfolgsgeschichte wie die die Gazzetta dello Sport. Diese veranstaltete den Giro bis 1988, als die Organisation des Rennens auf die RCS Organizzazioni Sportivi überging. Die sitzt zwar im selben Gebäude wie die Gazzetta, ist aber ein eigenständiges Unternehmen und veranstaltet zudem die Lombardei-Rundfahrt, Mailand–San Remo, Mailand–Turin und eine Reihe weiterer Rennen. Und auch der Corriere della Sera florierte ebenso prächtig wie die Gazzetta. Längst sind die beiden einst rivalisierenden italienischen Zeitungen so gute Freunde, dass sie sogar zum selben Firmenkonsortium gehören.


Mehr zum Jubiläum der Italien-Rundfahrt lesen Sie in:
"DIE LEGENDÄREN ANSTIEGE DES GIRO D'ITALIA" von Peter Leissl
Covadonga, 2008 - Hardcover, 192 Seiten
ISBN 978-3-936973-37-2



Mehr von Les Woodland:
"HALBGÖTTER IN GELB - Das Lesebuch zur Tour de France"
ISBN 978-3-936973-00-6





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