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12.03.2008Covadonga Verlag

Kurt Stöpel - Der Philosoph im Rennsattel

co105.gifAm 12. März 2008 wäre der erste Deutsche, der das Gelbe Trikot trug, 100 Jahre alt geworden.

Wäre es denkbar, dass Jan Ullrich nach seinem zweiten Platz bei der Tour de France 1996 noch das Grab Heinrich Heines in Paris besucht hätte? Oder dass Lance Armstrong ihn 2003 am Ruhetag empfangen hätte, um – noch im Pyjama – über Gott und die Welt zu philosophieren. Wohl kaum. Bei der Frankreich-Rundfahrt 1932 jedoch hielt es Kurt Stöpel als Herausforderer des französischen Superstars André Leducq genau so − in einem Rennen, in dem er als erster Deutscher in der Geschichte der Tour de France eine Etappe gewann, das Gelbe Trikot trug und aufs Podium fuhr. Am 12. März wäre der Berliner Radrennfahrer, den die internationalen Kollegen gern den „Philosophen“ nannten, 100 Jahre alt geworden.

Schlicht „Tour de France“ heißt die Erlebnisreportage, die Kurt Stöpel 1952 anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen verfasste: ein Buch, das auch nach mehr als fünfzig Jahren nichts an Faszinationskraft eingebüßt hat. Denn Stöpel hat nicht nur Bemerkenswertes zu berichten, er erweist sich auch als Autor von bemerkenswertem Erzähltalent. „Der packendste, der literarisch anspruchsvollste Bericht von der Tour de France“, urteilte etwa die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rezension der 2004 erschienenen Neuauflage, und die FAZ lobte: „Eine wunderschöne, 72 Jahre alte Erinnerung breitet Kurt Stöpel in diesem Sommer aus. Endlich ist der Bericht des ersten Deutschen, der Zweiter der Tour de France wurde, wieder erhältlich. Seine von Bescheidenheit und Bildung geprägte Sprache geben der Erzählung vom Kampf mit André Leducq um den Sieg bei der Tour 1932 ebenso Farbe wie die Schwarzweißfotos, mit denen der Covadonga-Verlag die Neuauflage illustriert hat.“

„Keuchende Ameisen“ am Tourmalet„Es ist eine tragische Nacktheit, das zerklüftete Felsgestein scheint uns angrinsen zu wollen. Der Weg der tausend Krümmungen wird jetzt bereits von Schneepfützen flankiert“, schreibt Kurt Stöpel über eine Pyrenäen-Etappe im Unwetter: „Jetzt kann man nicht mehr in das violett schimmernde Tal hinabblicken, die Wolken hüllen uns ein, als hätten sie Mitleid mit uns keuchenden Ameisen, die es gewagt haben, die Riesen der Bergwelt herauszufordern. Es ist nur ein Tasten, ein ungewisses Taumeln von einer Straßenhälfte zur anderen, dabei die Angst im Herzen, nicht zu nahe an den Abgrund zu kommen.“ In dieser authentischen, bildreichen Sprache schildert er das Leiden der Fahrer und die ganze Dramatik einer Frankreich-Rundfahrt, die so anders war als die moderne Tour de France – und doch manche Parallele aufweist. Denn Kurt Stöpel verschweigt nicht, dass auch damals der Griff zu fragwürdigen Substanzen für viele Rennfahrer auf der Tagesordnung stand: „Der Bürgermeister erzählt bedächtig das furchtbare Erlebnis, als der kleine Rebry wie ein Wahnsinniger angespurtet kam. Keiner hatte ihn hinter dem Ziel halten können… Er wäre in das Meer hineingerast, wenn nicht energische Hände den Sieger dieser mörderischen Etappe vom Rad geholt hätten. […] In diesem Moment weiß ich: Es kann kein Märchen sein, dass Beckmann einer der größten Mixer unter den Managern ist. Aber wem nützt dieser Sieg?“

Nach dem Krieg, der seine Karriere beendete, arbeitete Kurt Stöpel als Dolmetscher am Flughafen Tempelhof und für den Berliner Senat, später dann als Taxiunternehmer in seiner Heimatstadt. Am 11. Juni 1997 wollte er sich in der Küche seines Altersheims etwas zu trinken holen, griff aber versehentlich zu einer Flasche Reinigungsmittel. Er starb noch am selben Tag – nur wenige Wochen, bevor er Jan Ullrich gratulieren konnte, ihn als bestplatzierten deutschen Tour-Fahrer aller Zeiten abgelöst zu haben. Zumindest in den Augen seines Bezwingers aber war ja auch Kurt Stöpel schon ein wahrer Tour-Sieger gewesen: „Leducq nahm seinen herrlichen Rosenstrauß, den er bei der Ehrenrunde in seiner Hand gehalten hatte, und überreichte ihn, mit der Schleife in den Farben der Tricolore, meiner Frau. ‚Madame Stöpel’, sagte er bescheiden, ‚wir beide, Kürt und ich, haben die Tour de France gewonnen!’“

Am 6. Mai 2008 wird Kurt Stöpel von der Stiftung Deutsche Sporthilfe posthum in die „Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen − ebenso wie Albert Richter, über den bei Covadonga das Buch „Der vergessene Weltmeister" von Renate Franz erschienen ist.



1 Kommentar

12.03.2008 23:41 UhrDer Radsportfreund (FFB)

Nahezu unbemerkt ging vergangenes Jahr der 10. Todestag Kurt Stöpels an der Radsport-Öffentlichkeit vorüber. Umso mehr freut es mich, dass der Covadonga Verlag heute an den Geburtstag Kurt Stöpels vor 100 Jahren erinnert. Es ist die herausragende Leistung des Verlages, die sportliche, aber auch die "sportliterarische" Leistung Stöpels erkannt und mit der Neuauflage seines Berichtes von der Tour de France 1932 gewürdigt zu haben.
Noch heute möchte ich diesem ehrlichen Sportsmann, diesem Philosophen auf dem Rennrad höchsten Respekt zollen!

Die Aufnahme Stöpels in die "Hall of Fame des deutschen Sports" ist sehr zu begrüssen, wie auch die Albert Richters. An dieser Stelle sei ebenfalls auf das lesenswerte Buch von Frau Franz hingewiesen.
Vielen Dank an den Covadonga Verlag!

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