»Was eigentlich ein glamouröses und sonniges Fotoshooting mit Tom Dumoulin an einem spanischen Hotelpool hätte werden sollen, endete in einem schrecklichen Blutbad auf einer Gebirgsstraße, bei dem sieben Teamkollegen des niederländischen Radrennfahrers mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Eine britische Touristin war mit ihrem Auto bergauf auf der falschen Straßenseite unterwegs und fuhr frontal in die Radfahrer hinein, die mit hoher Geschwindigkeit bergab fuhren. Sie hatten keine Ausweichmöglichkeit und wurden in alle Richtungen geschleudert. Ich saß an diesem Tag mit einem Trainer des Teams im Begleitfahrzeug, das hinter den Fahrern herfuhr, und lernte viel über mich selbst. Man weiß nie, wie man auf eine Tragödie reagieren wird, bis man damit konfrontiert wird.« Mit diesen Sätzen beginnt das Buch FRONTAL – Ein Unfall, sieben Radprofis und die Geschichte ihrer Karriere von Nick Klaessens. Im Gespräch verrät der Autor mehr zu den Hintergründen.
Wie hast du diesen Tag damals selbst erlebt?
Es war ein so bizarrer Tag, weil ich eigentlich wegen eines Fotoshootings und eines Interviews mit Tom Dumoulin dorthin gefahren war, ausgerechnet im Auftrag des Modemagazins VOGUE Man. Während des Trainings vor diesem Termin wurden sechs Fahrer seines Teams Giant-Alpecin von einer Geisterfahrerin frontal von der Straße gefahren. Ein siebter Fahrer konnte dem Auto ausweichen. Ein Sportlicher Leiter und ich fuhren hinter der Gruppe her und kamen kurz nach dem Unfall an der Unfallstelle an. Meine Rolle veränderte sich schlagartig: vom Journalisten zum Augenzeugen und Ersthelfer. Das Ganze passierte mitten im Nirgendwo. Wir riefen den Notruf an, hielten die Fahrer bei Bewusstsein und versuchten, den Überblick zu behalten. Ich kümmerte mich um den am schwersten verletzten Fahrer, den US-Amerikaner Chad Haga, dessen stark blutende Halsverletzung ich mit einer Jacke zuhielt, bis der Rettungshubschrauber eintraf. Eine Dreiviertelstunde lang. Unwirklich.

Wie hast du das im Laufe der Zeit verarbeitet?
Das Wichtigste war, dass die Fahrer den Unfall überlebt haben und es ihnen darüber hinaus gelungen ist, ins Profipeloton zurückzukehren. Was mir bei der Verarbeitung ebenfalls geholfen hat, ist die Tatsache, dass ich in einer solchen Stresssituation offenbar automatisch ins Handeln komme. Es wäre vollkommen nachvollziehbar und menschlich gewesen, in einem solchen Moment wegzulaufen oder zu erstarren. Umso glücklicher bin ich, dass ich so reagiert habe. Am nächsten Tag schrieb ich eine Rekonstruktion des Geschehens: zunächst, um es mir von der Seele zu schreiben, später wurde sie auch im Algemeen Dagblad veröffentlicht. Zufälligerweise hatte ich kurz danach ohnehin einen einmonatigen Urlaub in Vietnam geplant, was ebenfalls dabei half, etwas Abstand zu dem Thema zu gewinnen. Und während des Giro d’Italia desselben Jahres trank ich noch ein Bier mit Mattias Reck, dem Trainer, mit dem ich damals im Auto saß. An diese Begegnung habe ich warme Erinnerungen. Damit war die Geschichte für mich aber abgeschlossen. In den Jahren danach dachte ich erstaunlich wenig darüber nach.
Bis jetzt. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch darüber zu schreiben?
Während der Olympischen Spiele in Paris kam es zu einer zufälligen Begegnung mit jemandem von damals. Dabei wurde so viel Energie freigesetzt, dass ich fast sofort spürte, dass ich mit diesem Thema noch nicht fertig war. Nach den Spielen telefonierte ich mit Mattias Reck, und während dieses Gesprächs entfachte sich das Feuer endgültig. Als dann auch Chad Haga begeistert auf die Idee eines Treffens nach so vielen Jahren reagierte, wusste ich es: Das wird ein Buch.
Wie verlief die Recherche?
Über den Unfall wurde viel geschrieben, insbesondere in den Ländern, aus denen die Fahrer stammen. Und obwohl bekannte Namen wie Warren Barguil und John Degenkolb häufig danach gefragt wurden, bin ich nirgendwo wirklich auf eine tiefgehende Auseinandersetzung mit ihren Geschichten gestoßen. In der Zwischenzeit habe ich selbst eine Ausbildung zum Coach absolviert, als Ergänzung zu einer persönlichen Therapie. Im Laufe der Gespräche mit den Beteiligten merkte ich, dass eine Mischung aus Journalismus und Coaching für die Gesprächspartner gut funktionierte. Die größte Herausforderung bestand vor allem darin, die Interviews zu organisieren und zu planen, denn im Vorfeld hatte fast niemand Lust, darüber zu sprechen. Außerdem war die Radsportsaison 2025 in vollem Gange, sodass die noch aktiven Fahrer kaum Zeit für ein persönliches Gespräch über dieses Thema hatten. Verständlicherweise natürlich.
Wie hast du die Fahrer und andere Beteiligte während der Gespräche erlebt?
Sehr unterschiedlich. Ich hatte den Eindruck, dass viele die Erlebnisse weit weg in sich vergraben hatten. Sobald sie jedoch einige Details darüber hörten, wie ich sie an jenem Tag vorgefunden hatte, kam meistens doch mit großer Wucht einiges wieder hoch. Es waren besondere Gespräche.

War es ein Vor- oder Nachteil, dass du als Journalist eigentlich nicht im Radsport zu Hause bist?
Für das Buch war es meiner Meinung nach ehrlich gesagt ein Vorteil. Ganz egal, welchen Beruf man ausübt: Wenn man mit jemandem spricht, der das eigene Fachgebiet nicht vollständig versteht, geht man automatisch ein bisschen ohne Deckung boxen. Genau das möchte man bei Gesprächen über Gefühle. Außerdem ist das Buch dadurch auch für Menschen zugänglich, die nicht so tief im Radsport drin sind.
Wie war die Resonanz auf die niederländische Ausgabe?
Ich bin sehr zufrieden mit der Menge und dem Inhalt der Medienberichterstattung: Radio, Fernsehen und Printmedien. Alle sind respektvoll mit dem Thema umgegangen, obwohl es natürlich auch einiges an Sensations-Potenzial in sich trägt. Ansonsten erreichen mich alle paar Tage schöne, einfühlsame Reaktionen. Das kann mich wirklich den ganzen Tag versüßen. Die schönste Reaktion kam allerdings von einem niederländischen Ehepaar, das sich an jenem 23. Januar 2016 um Søren Kragh Andersen gekümmert hatte. Søren war nach dem Unfallort in Panik davongefahren, nachdem er sich zunächst seiner Kleidung entledigt hatte. Nur in Unterwäsche stürmte er einige Kilometer weiter in ein Restaurant, um Hilfe zu suchen. Dort beruhigte ihn ein Ehepaar und konnte Leute aus dem Team erreichen, sodass Søren sicher abgeholt werden konnte. Ich habe im Februar 45 Minuten mit diesen Menschen telefoniert. Also nachdem sie das Buch gelesen hatten.
Ist die Geschichte für dich jetzt abgeschlossen?
Nun, ich würde sehr gerne noch einmal an den Unfallort fahren. Das hatte ich mir auch als letztes Kapitel vorgestellt, eine Art Pilgerreise nach Benigembla. Aber das Geld war aufgebraucht, und auch die Zeit. Das wird irgendwann noch kommen. Und ja, ich würde auch sehr gerne noch mit Fredrik Ludvigsson sprechen. Vorerst muss ich allerdings akzeptieren, dass er lieber nicht darüber spricht. Er war letztlich der am wenigsten erfolgreiche Fahrer, aber für mich mindestens genauso wichtig wie die anderen.

Für das Cyclingmagazine hat Andreas Beune übrigens ebenfalls ein sehr lesenswertes Interview mit dem Autor geführt, das ihr hier nachlesen könnt.
In dieser Woche ist Nick Klaessens zudem zu Gast beim Podcast Bikers Paradise, um mit Martin Gertz und Alex Hüfner über sein Buch und seine Erlebnisse zu sprechen. Und in Kürze dann auch (zusammen mit Chad Haga) bei Outside is Free, dem Outdoor- und Adventure-Podcast von Daniel Lenz.
Reinschalten lohnt in beiden Fällen ganz gewiss.
