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Heimspiel für Guillaume Martin-Guyonnet

Gleich die beiden Auftaktetappen im Norden Frankreichs boten eine ganze Menge von dem unvermuteten Drama und Spektakel, die uns so sehr für den Radsport und die Tour de France begeistern können. Im weiteren Verlauf der ersten Tour-Woche freuen wir vom Covadonga Verlag uns dann insbesondere auf die 6. Etappe, die von Bayeux nach Vire/Normandie führt. Denn die ist ein echtes Heimspiel für unseren Autor Guillaume Martin-Guyonnet, der als Co-Kapitän und Mann fürs Gesamtklassement von Groupama-FDJ ins Rennen geht.


Bei Kilometer 74,8 kommt das Peloton nach Saint-Honorine-la-Chardonne. Und auf dem Gebiet eben jener Gemeinde liegt auch La Boderie, ein einst herrschaftliches Landgut, das von seinen Eltern Daniel und Marie in den neunziger Jahren mit ganz bescheidenen Mitteln, aber umso mehr Schweiß, Herzblut und Tränen vor dem endgültigen Verfall gerettet wurde und von ihnen heute teils auch als Ferienpension betrieben wird – mitsamt Theater, Dojo, kleinem Schriftsetzermuseum und eigener Esel- und Ziegenherde. Und das auch eine Hauptrolle im grandiosen neuen Buch von Guillaume Martin-Guyonnet spielt: als der Ort, der die drei Lebenslinien zusammenführt, die er in »Von Menschen, die träumen« in einem wilden Ritt durch die Jahrhunderte und Passionen nachzeichnet.

Und bereits ein paar Kilometer zuvor geht es durch Ménil-Hubert-Sur-Orne, wo seine Großmutter im Weiler Le Buisson lebte und Klein-Guillaume einst bei seinen allerersten Pedaltritten begleitete:

 

In ihrem todtraurigen Krankenzimmer im Universitätskrankenhaus von Caen bläst Andrée Trübsal. Sie hängt am Leben, umso mehr, seit ihr Sohn mit Marie in die Gegend zurückgezogen ist, und vor allem, seit das Paar ein Baby bekommen hat, einen Jungen, ihren Enkel, der erst ein paar Monate alt ist.

»Ich werde nie sehen, wie mein kleiner Mann laufen lernt«, beklagt sie sich gegenüber Daniel.

Damit sie nicht den Mut verliert, versichert dieser ihr daraufhin, hilflos und kämpferisch zugleich, dass sie ihren Enkel nicht nur auf zwei Beinen sehen, sondern auch bei seinen ersten Pedalumdrehungen dabei sein wird. »Ich kann dir nicht versprechen, dass du seinen Sieg bei der Tour de France miterleben wirst, aber du wirst ihm das Radfahren beibringen«, sagt er, sowohl um sie zu beruhigen, als auch um sich selbst zu überzeugen. Gemeinsam suchen sie noch mal die Ärzte auf und bitten sie inständig, die Operation durchzuführen.

Der Eingriff verläuft wider Erwarten gut, Andrée ist eine starke Frau, und vier oder fünf Jahre später ist tatsächlich sie es, die ihrem »kleinen Mann« Hilfestellung gibt, als er sich auf dem geschotterten Hof vor ihrem kleinen Haus in Buisson zum ersten Mal auf einem Fahrrad ohne Stützräder versucht.

Der kleine Junge ist hochkonzentriert bei der Sache, ebenso seine Großmutter, die ihn an den Schultern festhält und nicht wagt, ihre Umarmung zu lockern. Und dann legt er los.

»Oma, Oma, ich fahre, lass mich los, lass mich los!«, ruft er, während er beginnt, in die Pedale zu treten.
Andrée hält ihn noch einen Moment lang fest, begleitet ihn die ersten paar Meter und trabt, so gut es geht, hinter dem kleinen grauen Peugeot-Fahrrad und ihrem kaum größeren kleinen Mann her. Schließlich geben ihre müden Beine, mit denen sie ein Leben lang über die Felder gelaufen und durch die Flure gehetzt ist, ihr zu verstehen, dass sie besser stehen bleiben soll. Sie sieht den Jungen davonfahren und betet, dass er nicht umkippt, lacht, als sie sieht, dass ihr Enkel sich auf seinem kleinen Rad hält, wie wild mit den Beinen kurbelt, ein wenig schwankend zwar, aber seine Bewegung unter Kontrolle hat. Das faltige Gesicht der alten Frau leuchtet vor Freude, ihre Augen funkeln und ihr Glück scheint auszustrahlen, denn der Junge lacht ebenfalls lauthals und dreht sich sogar um, um seiner Oma stolz zu zeigen, dass »es klappt, ja, es klappt!« und dass er »jetzt ein Großer« ist.

Dabei merkt er nicht, dass er vom Weg abkommt und direkt auf ein Dickicht frischer Brennnesseln zurast, in dessen Mitte er schließlich umkippt. Die Vegetation federt den Sturz zwar ab, aber nur um den Preis von zahllosen kleinen Nesselstichen, die sich bald an den Waden des kleinen Jungen bemerkbar machen, die besonders exponiert sind, weil man seine Hosenbeine in Vorbereitung auf das große Radsport-Event hochgekrempelt hatte. Da er nicht versteht, was gerade passiert ist, weint er nicht, sondern fängt sofort an, sich zu kratzen – und dann kratzt er sich schnell noch viel mehr.

Zum Glück ist seine Oma in Panik so schnell wie möglich herbeigeeilt. Und schon ist sie da, um ihn zu retten: »Am besten nicht anfassen, sonst wird es nur noch schlimmer. Hier«, erklärt sie kurzatmig und rupft eine Handvoll dicker Blätter vom Boden, »reibe dich damit ein, das wird dir Linderung verschaffen.«

Der Junge ist ganz Ohr. Er tut wie ihm geheißen, und tatsächlich lässt der Schmerz bald nach, bevor er wie von Zauberhand ganz verschwindet. Er wendet sein Gesicht seiner Großmutter zu und schenkt ihr diesen erstaunten und zugleich dankbaren Blick, der kleinen Kindern eigen ist, die glücklich sind, die Welt kennenzulernen.

Beide lächeln. Es ist geschafft, er kann ohne Stützräder Fahrrad fahren, und Andrée ist dabei gewesen, um es mit eigenen Augen zu sehen.

 

Coverabbildung: Von Menschen, die träumen von Guillaume Martin-Guyonnet

 

Um sich aus der Warte des Radfahrers ein Bild von der Region zu machen, in der sich diese womöglich ausreißerfreundliche 6. Etappe entscheiden könnte, muss man übrigens gar nicht weit blättern. Denn »Von Menschen, die träumen« beginnt direkt mit diesem Kapitel:

 

April 2009

Die Straße zieht vorbei. Nicht gerade die von Kerouac, flach, gerade und verraucht, aber dennoch ein Band, das ich unbekümmert entlangfahre, ohne daran zu denken, wohin es mich führen wird.
Ich bin auf einer kleinen Landstraße in der Normannischen Schweiz unterwegs, einer Gegend, in der die Départements Orne und Calvados zusammenfließen und die all diejenigen Lügen straft, die behaupten, dass die Normandie flach wäre.

Ich bin fünfzehn Jahre alt. Ich bin Jugendfahrer im ersten Jahr. Ich fahre zum Vergnügen Fahrrad, weil ich gerne neue Strecken erkunde, weil ich gerne herausfinde, was sich hinter den Landkarten verbirgt, und auch weil ich mir gerne wehtue: Ich gewöhne mich langsam an dieses Gefühl, in dem Vergnügen und Schmerz sich vermischen, eine Sucht, die ich auch fast fünfzehn Jahre später nicht wirklich abgelegt habe.

Ich rolle zwischen den beiden Dörfern Ménil-Hermei und La Forêt-Auvray dahin, nicht weit von der bekannten geologischen Stätte Roche d’Oëtre entfernt, einem natürlichen Felsaussichtspunkt, von dem aus man einen weiten Blick über den Bocage hat. Die Abfahrt endet. Die kleine Brücke über die Orne markiert den tiefsten Punkt der Senke, ab hier beginnt die Straße, sich wieder aufzubäumen. Der kleine Anstieg ist etwa zwei Kilometer lang, auf bestem Asphalt. Er verläuft gleichmäßig, bei fünf bis sechs Prozent Steigung, und windet sich in hübschen Serpentinen hinauf. Neben der Straße tummeln sich Pferde auf kleinen, sehr grünen Feldern, die mit Holzlatten eingezäunt sind. In der Ferne sieht man einen Tannenwald und den Kirchturm von Ménil-Hermei, wo ich noch vor wenigen Minuten gewesen bin.

Seit dem Beginn meiner Ausfahrt anderthalb Stunden zuvor sind mir vielleicht zehn Autos begegnet. Ich fahre gerne in diese Richtung raus. Ich weiß, dass ich hier meine Ruhe haben werde und mich auf meine Anstrengung konzentrieren kann. Ich fahre den Hügel in einem guten Tempo hinauf, etwa zwanzig Stundenkilometer. Ich bin etwas außer Atem und meine Beine beginnen zu brennen; es ist nicht unangenehm.

In diesem Moment denke ich nicht daran, eines Tages Profi zu werden, nicht an die Ergebnisse, die ich mit diesem Training erreichen werde, nicht an die Karriere, die diese Leistungen mir eröffnen werden, nicht an das Geld und die Anerkennung, die sie mir bescheren werden, nicht an die Bücher, die ich später schreiben werde, um über all das zu berichten. Ich denke nicht viel, ich bin einfach hier, an diesem Ort, im »Hier und Jetzt«, wie man so schön sagt.

Die Zukunft ist leer, unbekannt und daher objektiv beängstigend. Ich weiß nicht, was ich später einmal machen möchte. Meine Ergebnisse als Radsportler sind in Ordnung, aber nichts Außergewöhnliches. In der Schule gehöre ich zu den Besten, aber ich leide darunter, dass ich nicht in der Lage bin, mir eine Richtung zu geben und selbst etwas in die Wege zu leiten. Ich lasse mich treiben und warte darauf, dass andere für mich entscheiden. Ich habe wahrscheinlich ganz gute Karten in der Hand, aber ich bin zu zurückhaltend, um sie auszuspielen. Ich setze nichts in Gang. Wir werden sehen. Wir werden später sehen. Vergessen wir es einfach.

Im Moment, auf meinem Fahrrad, fühle ich mich gut.


April 2022

Ich bin jetzt achtundzwanzig Jahre alt. Ich nutze eines der in dieser Jahreszeit viel zu seltenen Wochenenden, an denen ich frei habe, ohne Rennen, ohne Trainingslager oder andere berufliche Verpflichtungen, um in die Normannische Schweiz zurückzukehren, an einen Ort namens La Boderie, auf das Landgut, auf dem ich aufgewachsen bin.

Dieser Ort ist meine Wiege, ein Ort, der von der Zeit und der Welt abgeschnitten ist. Um dorthin zu gelangen, biegt man drei Kilometer hinter dem letzten Dorf, das man passiert hat, in eine schmale, von Apfelbäumen gesäumte Straße ab, die in einer Sackgasse endet. Dann entdeckt man einen kleinen Weiler, der aus etwa zehn mit Ziegeln gedeckten Gebäuden aus grauem Granit besteht, die jedes für sich genommen bescheiden wirken, aber durch ihre Anordnung, durch die Nähe zueinander, einen Eindruck von Harmonie, ja, sogar von Größe vermitteln. Je mehr Zeit ich in La Boderie verbringe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sich dort etwas Magisches entwickelt – eine besondere Atmosphäre, ein Zauber. Ich weiß nicht, ob das an dem Ort selbst liegt oder daran, dass er für mich mit dem Stempel der Kindheit versehen ist. Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.
Meine Aufenthalte hier sind nie sehr lang, seit ich Profi geworden bin. Morgen geht es wieder zurück ins Renngeschehen. Nach Hause kommen und gleich wieder aufbrechen. In der Zwischenzeit hat mein Coach mir für heute eine dreistündige Trainingseinheit aufgetragen, in der es um die MAP geht, die maximale aerobe Leistung. Das bedeutet fünf- oder sechsminütige hochintensive Belastungen in Form von Intervallen. Ich verlasse die kleine Straße von La Boderie, wie ich es schon so oft getan habe, und trainiere auf den Wegen meiner Jugendzeit. Ich fahre in Richtung Roche d’Oëtre und dann nach La Forêt-Auvray, wo ich meine erste Intervall-Serie absolvieren möchte. Der kleine Anstieg macht die Dauer der erwarteten Anstrengung greifbarer.

Wie fast bei jeder Trainingsausfahrt habe ich meine kleinen kabellosen Kopfhörer angeschlossen – ich höre nicht zu, aber es ist wie ein Hintergrundgeräusch, das die Langeweile ausfüllt, die aufkommen kann, wenn man jeden Tag mehrere Stunden Rad fahren muss. Es lenkt mich auch von den Schmerzen ab. Die Schmerzen machen sich bemerkbar, sobald ich kurz nach der Brücke über die Orne aus dem Sattel gehe, mich in die Pedale stemme und anfange, mit hoher Belastung zu fahren. Viel schneller könnte ich nicht mehr fahren, aber in Wahrheit tun mir die Beine gar nicht so weh: Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Fast so, als wäre ich darauf dressiert. […] Der Radsport ist für mich zu einem Beruf geworden. Ich entferne mich von La Boderie. Ich versuche, so schnell wie möglich die Kuppe der kleinen Erhebung von La Forêt-Auvray zu erreichen: Vielleicht finde ich dort oben meine verlorene Unschuld wieder. 


 

Nur einen Tag später endet die 7. Etappe dann auf der Mûr-de-Bretagne, inzwischen durchaus so etwas wie ein moderner Klassiker im Parcours der Tour – als Mini-Bergankunft nicht mal 300 Meter über NN, die in der Auftaktwoche ein wenig Ordnung ins Klassement bringt.

Wie man es anstellt, dort zu gewinnen, weiß ein übrigens ein anderer unserer Autoren nur zu gut: Daniel Martin, dem dieses Husarenstück 2018 gelang. Davon erzählt er natürlich auch in seinem gemeinsam mit Pierry Chany verfassten Buch »Von Pandabären verfolgt«:

 

Die erste Bergankunft der Tour fand auf dem »Gipfel« von Mûr-de-Bretagne statt, das auch als das »bretonische Alpe d’Huez« bezeichnet wird und 293 Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Diese Etappe war voller Tücken. Nach knapp hundert Rennkilometern hing ich hinten in der dritten Gruppe fest, nachdem meine ehemaligen Quick-Step-Kollegen versucht hatten, das Feld bei Seitenwind zu sprengen. Wir schafften es, den Anschluss wieder herzustellen, aber ich wollte nicht ganz vorne sein. Es war unglaublich nervös, und ich zog es vor, mich ein wenig zurückzuhalten, Energie zu sparen und zu beobachten, was passierte, und mir Zeit zum Bremsen zu geben. Ich zockte, und es machte sich bezahlt: 40 Kilometer vor dem Ziel konnte ich einen Sturz vermeiden. Auf diesen Landstraßen, die sich durch kleine Dörfer mit alten Steinhäusern schlängeln, lauern von allen Seiten Gefahren. Zwei- oder dreimal wäre ich beinahe gestürzt. Ich atmete tief durch, um ruhig zu bleiben. Ich fuhr im Feld an der Seite von Richie Porte, der ebenfalls vorhatte, auf der ansteigenden Zielgeraden zu sprinten.

1.200 Meter vor dem Ziel griff ich an. Ich wusste nicht, dass ich so stark in die Pedale treten konnte, und es gelang mir, eine kleine Lücke zum Feld zu reißen. Ich legte einen kurzen Sprint ein. Ich hatte attackiert, um Unruhe unter meinen Konkurrenten zu stiften, ihre Pläne zu durchkreuzen und meinen Beinen etwas zu tun zu geben, denn sie gierten nach Action. Es bestand eine gute Chance, dass die anderen zu mir aufschließen würden, aber ich hatte genug Kraft, um durchzuhalten. Ich wiederholte meine Taktik von der Côte d’Ans bei Lüttich–Bastogne–Lüttich und teilte mir die Strecke bis zum Ziel in Häppchen ein. Bis zum Schild, das die letzten 500 Meter anzeigt, gab ich alles, was ich hatte. Ich sagte mir, hier wäre Schluss. Als ich es erreichte, verschnaufte ich kurz. Dann zwang ich mich, weitere hundert Meter zu sprinten. Dann noch mal hundert Meter. Dieses kurze Innehalten, auf das jeweils eine Beschleunigung folgte, sollte die Moral meiner Verfolger brechen. Ich gewann mit einer Sekunde Vorsprung vor dem Franzosen Pierre Latour, Julian Alaphilippe und Alejandro Valverde lagen drei Sekunden zurück. Ich hatte mich vor den anstehenden Bergetappen in Stellung gebracht …

Auf weitere drei spannende Juli-Wochen. Vive le Tour!